FRAGEN UND ANTWORTEN

ZUR KINDERGRUNDSICHERUNG

 

 

 

1.

Gibt es in einem reichen Land wie Österreich überhaupt arme 
Kinder? 

Armut gibt es nicht nur in Afghanistan oder dem Südsudan. Armut gibt es auch in Österreich. Häufig wird zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Im Gegensatz zur absoluten Armut – die sich in Hunger und Obdachlosigkeit ausdrückt – wird relative Armut am allgemeinen Lebensstandard der jeweiligen Gesellschaft gemessen. Als arm gelten jene Menschen, denen es aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, in Österreich übliche Güter zu erwerben bzw. zu konsumieren und denen dadurch eine gesellschaftliche Teilhabe verwehrt bleibt. Konkret ist in Österreich jedes 5. Kind von Armut betroffen. In Zahlen ausgedrückt sind das mehr als 350.000 armuts- und ausgrenzungsgefährdete Kinder und Jugendliche. Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen muss. Diese Einkommensgrenze wird Armutsgefährdungsschwelle genannt. Aktuell liegt sie in Österreich bei 1.328 Euro monatlich für einen 1-Personen-Haushalt (Statistik Austria 2021a). Die Statistik zeigt auch, dass es in Österreich 94.000 Haushalte gibt, die ihre Wohnung nicht warmhalten können. 44.000 Menschen haben kein zweites Paar Schuhe. Und 57.000 Kindern und Jugendliche können es sich nicht leisten, Freund*innen zum Spielen und Essen einzuladen. Die derzeitigen familienpolitischen Leistungen in Österreich schaffen es also nicht, Kinderarmut zu verhindern (Statistik Austria 2021a). 

2.

Bekommen alle Familien nach dem Kindergrundsicherungsmodell der Volkshilfe Österreich den gleichen Betrag? Ist das nicht eine falsche Umverteilung??

Nein, armutsbetroffene Familien werden durch das Kindergrundsicherungsmodell besonders unterstützt. Doch für alle Familien ist das Leben in Österreich teuer und mit der Familienbeihilfe werden schon heute alle Familien unterstützt. Das entspricht auch der UN-Kinderrechtskonvention, in der sich jedes Land verpflichtet in größtmöglichem Umfang die Entwicklung der Kinder zu sichern. Daher hat das Volkshilfe-Modell der Kindergrundsicherung zwei Komponenten, eine universelle und eine einkommensabhängige. Die universelle Komponente, vergleichbar mit der Familienbeihilfe, soll auch mit der Einführung der Kindergrundsicherung weiterhin für alle Kinder und Jugendlichen in Österreich ausgezahlt werden. Die zweite, einkommensabhängige Komponente richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Je niedriger das Jahreseinkommen, desto höher ist diese zweite Komponente. So kommt das Geld dort an, wo es am meisten gebraucht wird. Zur Schließung einer allfälligen Finanzierungslücke schlägt die Volkshilfe Österreich die Einführung von vermögensbezogenen Steuern vor. 

3.

Wäre der Ausbau öffentlicher 
Infrastruktur nicht wichtiger als die finanzielle Unterstützung? 

Die Volkshilfe fordert schon lange den Ausbau der sozialen Infrastruktur in Österreich. Vor allem auch, weil die vergangenen 15 Jahre eher von Sozialkürzungen und Rückbau solcher Einrichtungen geprägt waren. Wir setzen uns für den Ausbau von Kinderbetreuungs- und Gesundheitseinrichtungen ein, für eine ganztägige Gesamtschule und den Erhalt von öffentlichen Einrichtungen, wie Schwimmbädern und Büchereien. Vieles was insbesondere den Bereich der sozialen Teilhabe angeht, lässt sich aber nicht alleine mit dem Ausbau öffentlicher Einrichtungen regeln. Aus Sicht armutsbetroffener Kinder fehlen konkrete Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Situation. Das Modell der Kindergrundsicherung sichert das Notwendigste, wie Wohnen und Essen, und eröffnet gleichzeitig neue soziale Perspektiven. Weil weder die Abdeckung von Grundbedürfnissen, wie Essen, einer warmen Wohnung oder der Witterung angepasster Kleidung, noch die Entwicklungsmöglichkeiten und Zukunftschancen der Kinder von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängen dürfen. 

4.

Kommt das Geld überhaupt bei den Kindern an? 
Wären Sachleistungen nicht 
sinnvoller? 

Auch die jetzige Familienbeihilfe wird als Geldleistung ausbezahlt. Zudem zeigen sowohl die Praxis der Sozialen Arbeit als auch zahlreiche Studien, wie jene des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (2018), dass Geldleistungen für armutsbetroffene Kinder tatsächlich bei ihnen ankommen bzw. in ihrem Sinne eingesetzt werden. Arm sein ist nicht gleichbedeutend damit, nicht mit Geld umgehen zu können. Im Gegenteil, armutsbetroffene Eltern entwickeln Strategien, um mit wenig Geld auskommen zu können. Sie sparen häufig bei sich selbst, um ihren Kindern möglichst viel zu ermöglichen (u.a. Andresen/Galic 2015, Diakonisches Werk 2011). Für jene Eltern, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht ausreichend um die Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern können, gibt es die Kinder- und Jugendhilfe, die Familien dabei unterstützt, die vorhandenen finanziellen Mittel kindgerecht einzusetzen.  

5.

Bewirken Geldleistungen langfristig überhaupt etwas? 

Das Forschungsprojekt zur Kindergrundsicherung der Volkshilfe Österreich, das mit den Methoden qualitativer Sozialforschung arbeitet, zeigt, dass eine kontinuierliche finanzielle Leistung, nachhaltig auf die Familien wirkt. Die verlässliche finanzielle Unterstützung bewirkte bei Teilnehmer*innen des Forschungsprojektes unter anderem eine vertiefte soziale Integration, eine Verbesserung des subjektiven Gesundheitszustandes und/oder einen selbstbewussteren Umgang mit schulischen Herausforderungen. Global gesehen gibt es dazu auch zahlreiche Studien. 
So zeigt eine Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology, dass Direktzahlungen einen dauerhaften Einkommensanstieg bewirken (Haushofer/Shapiroz 2013). Eine andere Untersuchung weist auf die langfristig positiven Effekte auf die Gesundheit und die volkswirtschaftliche Gesamtsituation im Kontext des globalen Südens hin (Barrientos/Hulme 2008).

6.

Sinkt die Frauenerwerbsquote, wenn die Familienunterstützung steigt?

Die Forscherin Irene Becker, die sich mit Einkommensverteilung und sozialer Sicherung beschäftigt, weist in diesem Zusammenhang auf einen zu vernachlässigenden Effekt hin. Grundsätzlich stünden häufig Verhaltensannahmen über Frauen hinter dieser Frage, die entweder gar nicht begründet sind, oder aus Studien der frühen 1990er Jahren entnommen sind. Vielmehr seien individuelle familiäre Anforderungen und strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt prägend (Becker 2018). Zahlreiche Studien verweisen auf den starken Effekt des Ausbaus von - qualitativ hochwertigen und an Arbeitsrealitäten angepassten - Kinderbetreuungseinrichtungen auf die Frauenerwerbsquote hin (Bonin et al. 2013; Bonin et al. 2014; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2021). Die Volkshilfe tritt generell für eine Verkürzung der Normalarbeitszeit für alle Beschäftigten ein, wodurch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ebenfalls nachhaltig verbessert werden würde. Im Forschungsprojekt der Volkshilfe Österreich zeigt sich auch, dass die Kindergrundsicherung zu einer Entspannung der familiären Situation führen kann. Eltern, die einige Jahre vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren, finden neuen Mut, sich wieder auf die Jobsuche zu begeben. 

7.

Wieso setzt ihr Euch nur gegen Kinderarmut ein, wenn gerade die Mindestpension so gering ist? 

Die Volkshilfe Österreich tritt aktiv gegen Armut ein - egal, wen sie trifft. Wir sind eine laute Stimme gegen Altersarmut. Wir kämpfen für eine existenzsichernde Mindestsicherung und die Anhebung des Arbeitslosengeldes, nicht nur in der Corona-Pandemie. Außerdem unterstützen wir mit unserem Schwerpunktprojekt “Demenzhilfe Österreich” armutsbetroffene an Demenz erkrankte Menschen bei finanziellen Herausforderungen. Mit unserem Projekt “Kinderarmut abschaffen” haben wir einen zweiten Schwerpunkt in unserer Arbeit gesetzt, um diese besonders vulnerable Gruppe ins Blickfeld der Politik und Öffentlichkeit zu rücken. Langfristig gedacht, beugt die Bekämpfung von Kinderarmut auch anderer Armut vor. Studien zeigen etwa, dass staatliche Investitionen in qualitativ hochwertige, frühkindliche Förderung im Bildungsbereich beispielsweise auch besonders positive volkswirtschaftliche Effekte haben (Spieß 2013: 40-47).

8.

Warum gehen die Eltern nicht arbeiten?

Armut und Erwerbsarbeit schließen sich nicht aus. In Österreich leben 289.000 Menschen, die als “working poor” gelten, das bedeutet, sie sind arm, obwohl sie einer Lohnarbeit nachgehen. Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben strukturelle Ursachen. Globalisierung, Digitalisierung und wettbewerbsintensives Wirtschaften erzeugen Arbeitslosigkeit und andere Risiken, die durch eine nachhaltige Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ausgeglichen (Urban 2006) werden müssten. Auf der anderen Seite fehlen vor allem in ländlichen Regionen Kinderbetreuungseinrichtungen, besonders für Kleinkinder zwischen ein und drei Jahren. Viele Eltern/teile können nicht in vollem Ausmaß arbeiten gehen, ohne ihre Aufsichtspflichten zu verletzen. 

9.

Warum brauchen Kinder Markenkleidung, Laptops und neue Handys? 

Im Forschungsprojekt der Volkshilfe Österreich zeigt sich, dass viele armutsbetroffene Kinder selten Wünsche äußern, die über die Sicherung der Existenz ihrer Familie hinausgehen. Statistisch gesehen bekommen Kinder mit 9,6 Jahren ihr erstes Handy. Handynutzer*innen unter elf Jahren sind mit ihrem Gerät bereits rund 1,3 Stunden täglich beschäftigt, bei den bis 15-Jährigen sind es schon 2,5 Stunden pro Tag (derstandard.at 2014). Wer kein Handy hat, kann nicht in der WhatsApp-Gruppe der Klasse nach den Hausübungen fragen, oder bekommt die Verabredungen der Freund*innen nicht mit. Handys ermöglichen Kindern und Jugendlichen soziale Teilhabe, die gerade für Armutsbetroffene ohnehin erschwert ist. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Kinder ohne schnelles Internet, ohne Laptop oder Tablet in ihren schulischen Möglichkeiten massiv eingeschränkt waren. 36 Prozent der Schüler*innen, die von ihren Lehrer*innen als benachteiligt eingeschätzt wurden, konnten in der ersten Phase des Homeschoolings im Frühjahr 2020 nicht oder nur schlecht erreicht werden (Leitner et al. 2020). Auch andere kindliche Bedürfnisse, etwa nach bestimmten Lieblingsheld*innen auf der Kleidung gehören zur gesellschaftlichen Teilhabe dazu. Außerdem wird das Fehlen bestimmter Markenbekleidung oder anderer Gegenstände auch von nicht-armutsbetroffenen Kindern als Zeichen von Armut benannt (Einböck et al. 2015).

10.

Sind nur Flüchtlinge und Migrant*innen arm?

Nein. Aber tatsächlich haben Personen mit Migrationsgeschichte ein höheres Armutsrisiko. Die Armuts-oder Ausgrenzungsquote von Österreicher*innen betrug 2016 nach dem Europa 2020 Indikator 13%. Jene der Nicht-Österreicher*innen belief sich auf 44%. Wobei es je nach Staatsbürgerschaft signifikante Unterschiede gibt: Bei EU- oder EFTA-Bürger*innen liegt weitaus niedriger als bei jenen aus anderen Herkunftsländern. Ein noch höheres Armutsgefährdungsrisiko haben besonders Menschen, die aus Drittstaaten (z.B. aus Syrien oder Afghanistan) fliehen mussten - das liegt am eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, der fehlenden Anerkennung von Abschlüssen, der zeitlich begrenzten oder unsicheren Aufenthaltsdauer, an einer im Durchschnitt niedrigeren schulischen Ausbildung und der häufigeren Anstellung im Niedriglohnsektor. Für die Volkshilfe stehen die Kinder im Zentrum, sie suchen sich nicht aus, wo sie geboren werden, welche Staatsbürger*innenschaft sie oder ihre Eltern haben oder eben nicht haben. Die Kindergrundsicherung bedeutet die Chance, die Armutslage der Eltern nicht weiter zu vertiefen bzw. sie aus der Armut zu befreien. 

©  Illustration: Dimensions.com

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Broschüre: Fragen und Antworten zur Kindergrundsicherung