Ein Gespräch mit Robert Lasshofer

dem Vorstandsvorsitzenden des Wiener Städtischen Versicherungsvereins

Seit vielen Jahren kooperiert der Wiener Städtische Versicherungsverein mit der Volkshilfe Österreich vor allem im Kampf gegen Kinderarmut. Über die jährlichen Kooperations-Verträge hinaus spendet der Versicherungsverein über das Jahr namhafte Beträge für andere soziale Zwecke. So übernahm er jüngst 15 Kinderpatenschaften im Zuge unserer Initiative #MutSchaffen oder unterstützte mit einer großzügigen Corona-Spende schnell und unbürokratisch armutsgefährdete Familien.


Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? 
Mir ist klar geworden, wie verwundbar eine Gesellschaft, aber auch eine Volkswirtschaft sein kann. Wir befinden uns in einer Gesundheitskrise, die sich zu einer veritablen Wirtschaftskrise entwickelt hat. Solche Entwicklungen wie jetzt, haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr beobachten können. Nicht nur Österreich, die ganze Welt war nicht auf diese Krise vorbereitet!

Spüren Sie mehr Solidarität in der Gesellschaft?
Ich war tief beeindruckt, wie solidarisch die Gesellschaft gerade beim ersten Lockdown agiert hat: diese Bereitschaft junger Menschen für die Alten, die sogenannten "Risikogruppen", zu sorgen und aus völlig freien Stücken spontan ihre Einkäufe zu übernehmen, dieses "Aufeinander-Schauen" und versuchen zu helfen, wenn es jemandem in der unmittelbaren Umgebung schlechter geht. Ich habe auch Einkaufssackerl und Mineralwasser für andere geschleppt und wissen Sie, was das Schöne daran war? Es wurde nicht angeordnet, sondern ist einfach entstanden. Ich bin ein begeisterter Österreicher (lacht)!

Wann haben Sie als Kind oder Jugendlicher gemerkt, dass nicht alle Menschen gleich sind?
Als ich ins Gymnasium kam, war ich ein potenzieller Kandidat für die "Schülerlade". Meine Familie konnte sich keine neuen Schulbücher leisten, also erhielt ich sie aus zweiter, oftmals auch aus dritter Hand. Einige Bände waren stark gebraucht und angeschmiert. Andere Klassenkameraden bekamen Schulbücher von ihren Eltern bezahlt und hatten immer neue, schöne Exemplare in ihrer Schultasche – das prägt. Später kam dann das Gratis-Schulbuch.

Der Wiener Städtische Versicherungsverein zeigt sich in vielen Bereichen sozial engagiert. Welches Thema liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Mir liegen sehr viele Themen am Herzen, aber im Moment ganz besonders das Thema Pflegebedürftigkeit und die Finanzierung von Pflege. Früher wurden die Angehörigen gewöhnlich in und von der Familie gepflegt, aber durch die Vereinzelung der Haushalte ist das heute viel schwieriger geworden. Außerdem ist die steigende Lebenserwartung mit längerer Pflegebedürftigkeit verbunden, dafür sind erhebliche Kapitalstöcke notwendig, um Pflege vernünftig finanzieren zu können.

Auch die Einsamkeit spielt eine große Rolle ...
... ja, gerade im Alter sind Menschen oft einsam. Alleinsein fördert bekanntlich nicht gerade die Gesundheit und die Lebenserwartung. Die Pflege wird unsere Gesellschaft in Zukunft noch sehr beschäftigen, vor allem auch die damit verbundenen finanziellen Fragen. Das ist ganz klar! Dieses Thema liegt uns sehr am Herzen.

Sie haben vor zehn Jahren im Bereich Pflege eine tolle Aktion ins Leben gerufen ...
... ja, unter anderem haben wir gemeinsam mit der Volkshilfe Österreich das Projekt "Pflegerln mit Herz" gestartet. Eine Initiative, bei der besonders engagierte Pflegerinnen und Pfleger vor den Vorhang geholt und ausgezeichnet werden. Wir wollen das Bewusstsein für das Thema Pflege auch in Zukunft weiter schärfen und in diesem Bereich noch mehr Unterstützung anbieten. Die zu Pflegenden werden immer mehr und die, die pflegen immer weniger. Wir denken da zum Beispiel an Stipendien für Umschulungen zu Pflegeausbildungen. Marktökonomisch werden manche Berufe, nicht zuletzt wegen der Pandemie, in Zukunft weniger Zulauf haben oder vielleicht sogar völlig verschwinden. Pflegeberufe werden aber definitiv an Bedeutung gewinnen. Außerdem liegt mir dieses Thema persönlich sehr am Herzen.

Sie fördern auch das soziale Engagement Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Eine tolle Initiative, die auch international großen Anklang findet, ist der sogenannte "Social Active Day". Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Versicherungsgruppe wird ein Arbeitstag pro Jahr zur Verfügung gestellt, um sich in einer Hilfsorganisation ehrenamtlich zu engagieren. Von der Hilfe bei Renovierungsarbeiten in Hilfs- und Pflegeeinrichtungen, Suppenausgabe auf Sozialmärkten, über Ausmalen von Klassenräumen, Arbeit mit sozial schwachen oder bedürftigen Menschen, bis hin zur Abfallbeseitigung in den Wäldern von Zentral- und Osteuropa.

Wie kommt das bei Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an? Was macht das mit ihnen?
Es ist schön zu beobachten, wie groß das Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist, auch ihren persönlichen Sozialbeitrag zu leisten und wie positiv sie das erleben. Es geht hier nicht nur darum, der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen, sondern auch darum, großartige persönliche Erfahrungen zu erleben. Man wird durch soziales Engagement eine "breitere Persönlichkeit". Das ist Nachhaltigkeit! Einen Beitrag zu leisten, damit die Gesellschaft ein bisschen besser werden kann! Wie nennt man das so schön im Englischen: Sustainability".

Haben Sie persönlich auch schon einen "sozialen Tag" eingelegt?
Ich war einen Tag lang in einem Pflegeheim und habe dort versucht eine Weihnachtsfeier zu gestalten. Ich war der, der Gedichte vorgelesen hat und mitgesungen habe ich auch, aber ich muss zugeben, da gab es bessere Sänger (lacht).

Sie unterstützen aktuell unsere Kampagne #MutSchaffen. Wussten Sie eigentlich, dass jedes fünfte Kind in Österreich arm oder armutsgefährdet ist?
Das war mir in dieser Form nicht bewusst und hat mich sehr betroffen gemacht. Als mir die Zahlen zur Kenntnis gebracht wurden, war das ein starker Anstoß, uns für Kinderpatenschaften zu engagieren. Kinder sind die Zukunft einer Gesellschaft. Eine Kindheit sollte möglichst unbelastet und glücklich sein. Es ist bekannt, dass Armut Krankheit befeuert, dass Armut Lebenschancen einschränkt, dass Armut schulische Leistungen beeinflusst und vieles mehr. Gerade in diesem Bereich Armut zu bekämpfen ist ganz wichtig. Wenn wir da mit unserer Kooperation einen kleinen Beitrag leisten können, freue ich mich sehr darüber.

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf die Armut von Kindern aus, warum?
Das hat vor allem auch mit der hohen Arbeitslosigkeit zu tun. Sie ist kein Boden, auf dem Kinder sich gut entwickeln können. Ich kann zu diesem Thema ein sehr gutes Buch empfehlen, das habe ich in meiner Studienzeit im Rahmen meiner Soziologie-Diplom-Prüfung in die Hände bekommen: "Die Arbeitslosen vom Marienthal" – sehr spannend. Soziologische Werke lesen sich ja im Normalfall nicht unbedingt sehr flüssig, aber dieses schon. Es gibt Passagen, da wird sehr plastisch beschrieben, wie sehr sich Arbeitslosigkeit unter anderem auf die Entwicklung von Kindern auswirkt.

Wie zum Beispiel?
Marienthaler Kinder haben ihre Schulaufsätze sehr häufig mit dem resignativen Satz „Wären die Eltern nicht arbeitslos…“ begonnen. So brachten diese Kinder zum Ausdruck, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche erheblich zurückgeschraubt haben. Arme Kinder sind nicht selten arme Erwachsene. Die Gesellschaft muss allen Kindern die gleichen Lebenschancen bieten.

Letzte Frage: Warum kooperiert der Wiener Städtische Versicherungsverein gerne mit der Volkshilfe?
Die Volkshilfe kümmert sich um viele wichtige gesellschaftliche Belange. Sie unterstützt Menschen mit Behinderung, armutsgefährdete Mitbürgerinnen und Mitbürger und ist in der Pflege sehr aktiv. Ich finde es auch wichtig, dass die Volkshilfe so ein professionelles Marketing betreibt, um Spenden zu akquirieren – Geld, das Hilfsbedürftigen zu Gute kommt. Ich wünschte, es gäbe mehr solche Initiativen in der Zivilgesellschaft!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Lisa Peres, VH Ö

Danke für die langjährige und treue Unterstützung unserer Kampagne #MutSchaffen.
v.l.n.r.: Erich Fenninger und Robert Lasshofer bei der jüngsten Scheckübergabe im Wr. Ringturm

25. Mai 2021