Volkshilfe zu EU-SILC-Daten:

„Müssen von weit mehr Armutsbetroffenen ausgehen“

„In einem der reichsten Länder der Welt sind mehr als 1.529.000 Menschen von Armut und Ausgrenzung gefährdet, das ist ein Anstieg von absolut 57.000 Menschen. Wir müssen angesichts der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen davon ausgehen, dass es real noch weit mehr Menschen gibt, die am Rande der Armut leben, als uns die Daten erahnen lassen“, mahnt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich angesichts der heute veröffentlichten EU-SILC-Zahlen. Fenninger verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die EU-SILC-Daten mit Einkommenszahlen aus Zeiten vor der Corona-Krise arbeiten und die Datensätze heuer mit besonderer Umsicht zu verwenden seien. Denn wer im Jänner 2020 befragt wurde, kann durch die Pandemie bereits im April unter anderen ökonomischen Bedingungen gelebt haben.  

Sozialminister ist gefordert 350.000 Kinder aus Armut zu befreien

Wien (OTS) - „In einem der reichsten Länder der Welt sind mehr als 1.529.000 Menschen von Armut und Ausgrenzung gefährdet, das ist ein Anstieg von absolut 57.000 Menschen. Wir müssen angesichts der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen davon ausgehen, dass es real noch weit mehr Menschen gibt, die am Rande der Armut leben, als uns die Daten erahnen lassen“, mahnt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich angesichts der heute veröffentlichten EU-SILC-Zahlen. Fenninger verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die EU-SILC-Daten mit Einkommenszahlen aus Zeiten vor der Corona-Krise arbeiten und die Datensätze heuer mit besonderer Umsicht zu verwenden seien. Denn wer im Jänner 2020 befragt wurde, kann durch die Pandemie bereits im April unter anderen ökonomischen Bedingungen gelebt haben. 

Kinderarmut in Österreich

Laut EU-SILC-Zahlen waren 2020 350.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren armuts- und ausgrenzungsgefährdet aus – das entspricht mehr als jedem fünften Kind. 145.000 Kinder bis 18 Jahre lebten in materieller Deprivation, also in einem Haushalt, in dem wichtige Güter des täglichen Bedarfs nicht leistbar sind. Das Risiko sozialer Ausgrenzung lag für diese Altersgruppe mit 23% über dem der Gesamtbevölkerung (mit 17,5%). 225.000 Kinder lebten 2020 in überlegten, 164.000 Kinder in einer feuchten, 214.000 in lauten Wohnverhältnissen – diese Zahlen sind nach über einem Jahr von Ausgangsbeschränkungen und Homeschooling besonders erschreckend. „Als Volkshilfe sehen wir tagtäglich die zunehmende Not der Menschen, die zu uns kommen. Die Bundesregierung muss die Krise der Armut endlich erkennen und alle Hebel in Bewegung setzen, um die Armutsfalle Corona zu beseitigen“, so Fenninger. 

Fehlende Maßnahmen

Fenninger zeigt Unverständnis für die fehlenden Maßnahmen zur Armutsminderung und den ausständigen Nationalen Aktionsplan (NAP) zur Armutsbekämpfung, der vom Sozialministerium bereits Anfang 2020 angekündigt wurde. Die Volkshilfe fordert vehement die rasche Umsetzung des NAP Armutsbekämpfung. „Mückstein sollte auch seine bedeutende Aufgabe als Sozialminister wahrnehmen und rasch einen Expert*innenstab zur Minderung von Armut einsetzen,“ fordert Fenninger. „Die erforderlichen Maßnahmen liegen“, so der Volkshilfe Direktor, „auf der Hand: Durch eine Erhöhung der Nettoersatzrate des Arbeitslosengeldes auf 70 Prozent, durch eine umfassende Reform der Mindestsicherung und durch die Einführung der Kindergrundsicherung, ließe sich Armut um einiges mindern,“ betont Fenninger. 

Die EU-SILC-Daten belegen, dass Langzeitarbeitslosigkeit zu den größten Risikofaktoren für Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung zählt. „Langzeitarbeitslosigkeit steigt bereits seit Jahren an, Corona hat diesem Trend nochmals einen verheerenden Boost gegeben. In unseren Beschäftigungsprojekten verlieren die Menschen zusehends den Mut und das Vertrauen in die Bundesregierung. Eine Erhöhung des Arbeitslosengelds wäre längst überfällig, um ihre Sorgen abzuschwächen“, fordert Fenninger erneut: „Je länger die Menschen arbeitslos sind, umso schwieriger wird es für sie, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Die Bundesregierung hat mit dem ‚Sprungbrett´ erste Akzente gesetzt, nun muss sie den Menschen direkt unter die Arme greifen, indem sie die Nettoersatzrate auf zumindest 70% erhöht und menschenwürdige Arbeitsbedingungen und zukunftsweisende Berufsbilder fördert.“ Finanzieren ließe sich dies sozial gerecht, indem kurzfristig eine einmalige Solidaritätsabgabe seitens Superreicher und langfristig eine sinnvolle Vermögenssteuer eingeführt wird. 

 

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3. Mai 2021

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