Ein Gespräch mit Karin Heitzmann über „soziale Ungleichheit und COVID"

Karin Heitzmann ist Professorin am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien und Leiterin des Forschungsinstituts Economics of Inequality. Ihre Arbeiten zu den Themen "Armut" und "Soziale Ausgrenzung" gelten als Standardwerke.

„Kinder, die heute arm sind, sind die Arbeitslosen von morgen und die Armen von übermorgen. Diese Armutsspirale muss man verhindern.“

Bereits zum achten Mal vernetzte die Volkshilfe beim Symposium am 11. Oktober - diesmal in der Arena Wien - hochkarätige Theoretiker*innen und Praktiker*innen aus dem Aktionsfeld Kinderarmut miteinander. Einen Tag lang sollte ein Randthema ins Rampenlicht gerückt werden. Key Notes zu Corona und Kinderarmut, dem politischen Anspruch von Sozialer Arbeit und dem Warum und Wie einer Kindergrundsicherung in Deutschland und Österreich konnten live vor Ort online oder auf der Website von Puls4 mitverfolgt werden. Auch Karin Heitzmann war als Key Note Speakerin zum Symposium geladen, im Vorfeld führten wir mit ihr ein Gespräch.

 

Oft hört man das Argument, es gäbe gar keine Armut in Österreich, sondern es gäbe sie nur im globalen Süden. Ist das so?
Es kommt immer darauf an, was man tatsächlich unter Armut versteht, im globalen Süden wird sie anders definiert als in unseren Breitengraden. In den entwickelten Ländern spricht man von  Armut", hier geht es um das Verteilungsmaß: Wer hat im Vergleich zu einer reichen Gesellschaft besonders wenig. Das "wenig" wird in Relation zur Durchschnittsbevölkerung gesehen. Im Gegensatz dazu spricht man in den weniger entwickelten Ländern des globalen Südens von einer "absoluten Armut", hier ist der Ansatz: Wie viele Leute haben zu wenig, um sich tatsächlich ausreichend zu ernähren. Und auch innerhalb der entwickelten Welt sind die Armutsgrenzen verschieden: In Süd- und Osteuropa haben wir eine viel niedrigere Armutsgrenze, als in Westeuropa. Würden also dieselben Menschen aus Westeuropa mit demselben Einkommen in Süd- und Osteuropa leben, würden sie gar nicht zur Armutsbevölkerung zählen.

Welche Gruppen in Österreich haben ein besonders hohes Armutsrisiko?
Um die österreichische Armutspopulation genau zu erheben, gibt es seit Mitte der 90-er Jahre, seit wir der EU beigetreten sind, eine regelmäßige Armutsberichterstattung. Man sieht darin deutlich, dass die Herkunft in der Armutsgefährdung eine Rolle spielt. Im Jahr 2019 hatten wir in Österreich bei Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft eine Armutsquote von 10%. Bei nicht österreichischer Staatsbürgerschaft lag sie bei 35%. Das bedeutet, die Armutsgefährdung in dieser Gruppe ist 3,5 Mal so hoch. Überproportional betroffen sind auch Ein-Eltern-Haushalte und Großfamilien, mit drei oder mehr Kindern. Die Armutsquote liegt hier bei über 30%. Sie ist mehr als doppelt so hoch wie bei der durchschnittlichen Bevölkerung (14%). Aus der Perspektive der Kinder betrachtet, sind das alles Charakteristika für die das Kind nichts kann. Das Geburtsland suche ich mir nicht aus, die Staatsbürgerschaft nicht und auch nicht, ob ich in einer Familienform mit einem, zwei oder drei Kindern wohne.

Wie hat sich die Situation der Alleinerziehenden in den letzten 10 Jahren entwickelt?
Die Armutsgefährdungsquote bei den Alleinerziehenden liegt bei 31% . Es ist eine Gruppe, die seit Jahrzehnten stark betroffen ist. Das liegt schlicht daran, dass ein zweiter Erwerbseinkommensbezieher fehlt und die Ersatzraten, die ich über den Sozialstaat bekomme und die privaten Alimentationszahlungen im Schnitt nicht ausreichen.

Welche Instrumente würden die Gruppe der Alleinerziehenden besser absichern und damit die Kinder besser schützen?
Wenn ich Einkommensarmut bekämpfen will, muss mehr Einkommen in den Haushalt. Das geht über mehr Erwerbsarbeit, und da wir wissen, dass Ein-Eltern-Haushalte, also meistens die Mütter, ohnehin schon zu einem überproportionalen Ausmaß in Erwerbstätigkeit sind und auch Vollzeit arbeiten, da geht nicht viel mehr. Das heißt, ich brauche andere Quellen, wie zum Beispiel eine Unterhaltssicherung, also fehlendes Einkommen vom Sozialstaat.Offenbar schaffen wir es mit den herrschenden sozialstaatlichen Mitteln nicht, diese Gruppe nachhaltig aus ihrer Situation herauszubringen. Man könnte außerdem in Kinderbetreuung, Kindergärten und Elementarbildung auf einem qualitativ hochwertigen Niveau investieren, diese subventionieren oder sogar gratis anbieten, damit sich der Wunsch nach Ausweitung der Erwerbsaktivität mit den Betreuungsmöglichkeiten der Kinder deckt. Dasselbe gilt für Subventionierung im Gesundheitssystem, bei Kulturleistungen, oder in punkto Wohnen.

Und investieren in Bildung ...
Genau. Man müsste präventiv dafür sorgen, dass diese Familien erst gar nicht arm werden. Das läuft ganz stark über Investitionen in die Bildung. Kinder, die heute arm sind, sind die Arbeitslosen von morgen und die Armen von übermorgen. Diese Armutsspirale muss man verhindern. Der Sozialstaat könnte hier effektiv und effizient unterstützen.

Was hat Corona ausgelöst und was steht diesen Familien noch bevor?
Corona hat verdeutlicht, dass Lücken in der Absicherung bestehen. Kleinere, selbständige Personenunternehmen, z.B. Künstlerinnen - meistens wieder Frauen - standen zu einem großen Anteil ohne Absicherung da. Auch die Bildungsungleichheit wurde in der Krise stark in punkto Homeschooling verdeutlicht: fehlende Zeit und Kompetenz der Eltern zur Unterstützung der Kinder, kein Computer, kein Internet zur Bewältigung von Homeschooling. Die Pandemie hat dazu geführt, dass Benachteiligungen nicht nur sichtbarer, sondern auch größer geworden sind.

Haben die Einmalhilfen und Unterstützungsangebote des Staates dennoch geholfen?
Ich denke ja, die haben gewirkt. Ein Indikator dafür ist, dass die Zahlen der Sozialhilfe zumindest für 2020 nicht angestiegen sind. Leider zeigen sich die Ergebnisse der Ungleichverteilung oft erst ein paar Jahre nach einer Krise.

Danke für das Gespräch!

10. November 2021